Details: Was ist ein Tauschring? PDF Drucken E-Mail

 

Lokale Tauschringe (englisch: LETS = Local Exchange Trading Systems) sind in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Kanada, den USA, England, Australien und Neuseeland in großer Zahl entstanden. Inzwischen gibt es sie auch in Südamerika und in fast allen Ländern des europäischen Kontinents, allein in Deutschland über 300. Am 30. November 1995 ist auch in Aachen ein lokaler Tauschring mit dem Namen "Oecher Talente e.V." gegründet worden.

In einem Tauschring können Menschen im lokalen Umfeld untereinander Handel treiben und Dienstleistungen austauschen, ohne über Geld zu verfügen. Diese Transaktionen werden in Quasigeld verbucht. Dieses existiert weder als Münze noch als Papiergeld, wie der Euro, sondern ist nur ein Maß für Buchungen auf den Konten der Mitglieder des Tauschringes.

In vielen lokalen Tauschringen wird die Währung "Talente" genannt, in Anlehnung an die gleichnamige historische Geldeinheit, aber auch im Hinblick auf die heutige Wortbedeutung: Talent = Fähigkeit, etwas zu leisten. In Aachen heißt die Währungseinheit "Klümpchen" und wird in etwa einem halben Euro (2 Kl. = 1 Euro) gleichgesetzt. Die Quasi-Währung hat außerhalb des lokalen Bereichs keinen Wert. Man kann dieses "Geld" weder verlieren, stehlen, horten noch fälschen. Trotzdem existiert es, und man kann dafür durchaus etwas kaufen, nämlich die von den anderen Mitgliedern angebotenen Leistungen und Waren.

Wie ein solcher Tauschring funktioniert, zeigt das folgende Beispiel:
Die Rentnerin Renate betreut das Kind der Studentin Silke und bekommt dafür eine Gutschrift über 20 Klümpchen. Mit dieser Gutschrift bezahlt die Rentnerin den Gymnasiasten Günter, der ihr für 20 Klümpchen einen Wocheneinkauf erledigt. Günter wiederum verwendet seine frisch verdienten Klümpchen dafür, dass die Studentin Silke ihm eine schwierige Mathe-Aufgabe erklärt. Es wurden drei Leistungen im Wert von je 20 Klümpchen (zusammen 60 Klümpchen) erbracht. Alle drei Personen haben Arbeit gehabt, und alle haben die dabei verdienten Klümpchen im Tauschring nach freier Wahl wieder ausgegeben. Alle Konten sind wieder ausgeglichen. Bei diesem Ringtausch ist kein einziger Euro geflossen, denn für die Leistungen wurde mit Klümpchen, d.h. mit selbst geschaffenem Geld bezahlt. Die folgende Skizze zeigt, was passiert ist.

Ringtausch

Die Buchstaben R, S und G stehen für die Beteiligten Renate, Silke und Günter, die Pfeile zeigen an, welche Leistung vom einen zum anderen abgegeben worden ist. Gegenläufige Beträge von jeweils 20 Klümpchen kann man sich dazu denken oder auch einzeichnen. Es handelt sich hier also um einen indirekten, nämlich einen "Ringtausch", wie er für moderne Volkswirtschaften typisch ist. Tauschringe müssten daher korrekter Weise Ringtausch-Systeme heißen, denn mit dem simplen direkten Tausch zwischen zwei Partnern ("tausche Steuererklärung gegen Marmelade"), wie von Journalisten gern dargestellt, haben Tauschringe wenig zu tun.

Jedes Mitglied beginnt mit einem Kontostand von Null. Sobald der Tauschhandel beginnt, werden einige Mitglieder zu einer Lastschrift, andere zu einem Guthaben auf ihrem Klümpchen-Konto kommen. Aber "Soll" ist in diesem System nicht gleichbedeutend mit Schulden. Hiermit wird lediglich versprochen, in Zukunft einen Dienst zu leisten, vielleicht auch in Hobby-Arbeit selbst hergestellte Produkte anbieten zu wollen. Es werden weder Soll- noch Habenzinsen gezahlt. Guthaben anzuhäufen, lohnt sich also nicht, und unbegrenztes Schuldenmachen wird durch ein Kreditlimit verhindert.

Die Tauschpartner vereinbaren ihre Preise in Klümpchen, manchmal auch in zusätzlichen Euro-Anteilen, um z.B. Steuern, Benzin oder Material bezahlen zu können. Die Mitglieder handeln, mit welchem Mitglied sie wollen. Auch Familien, lokal ansässige Gruppen, Geschäfte oder Handwerker können Mitglied werden.

Wie arbeitet der Tauschring?
Für die Mitglieder wird viermal im Jahr eine Marktzeitung herausgegeben, in der alle Tauschangebote und -wünsche aufgeführt sind. Die Marktzeitung ist den Gelben Seiten der Post vergleichbar, allerdings sind die Nachfrager oder Anbieter nur unter ihren Mitgliedsnummern angegeben, die ausschließlich Vereinsmitgliedern bekanntgemacht werden. Das Spektrum der gehandelten Leistungen umfaßt bisher mehr als 1000 Tauschwünsche.

Die vollständige aktuelle Marktzeitung sowie die jeweils aktualisierte Mitgliederliste wird den Mitgliedern zugestellt. Die Marktzeitung können auch Nichtmitglieder während unserer Sprechstunden im Aachener Talente-Büro (WeltHaus, An der Schanz 1) donnerstags von 10-12 und von 17-19 Uhr einsehen oder gegen einen Kostenbeitrag von 1,50 Euro erwerben. Gegen Einsendung von 3 Euro in Briefmarken schicken wir aber auch gern ein Exemplar zu.

Anhand der vereinsinternen Mitgliederliste, die die Adressen der Mitglieder enthält, können die Tauschwilligen untereinander Kontakt aufnehmen und Vereinbarungen über Art und Preis der Dienstleistung oder der Ware treffen. Die Preise werden in "Klümpchen" frei ausgehandelt. Dabei sollte ein Klümpchen in etwa einem halben Euro (2 Kl. = 1 Euro) entsprechen. Zur schriftlichen Bestätigung von Transaktionen werden vom Tauschring herausgegebene Tauschbons benutzt (siehe unten), die unser Talente-Büro auf den Mitgliederkonten verbucht.

Tauschbon

Der Abschnitt ganz rechts wird abgetrennt und verbleibt bei der ausstellenden Person. Der mittlere Abschnitt ist als Beleg für die begünstigte Person gedacht. Die oder der Begünstigte sendet den Tauschbon dann an das Talente-Büro (An der Schanz 1, 52064 Aachen) oder wirft ihn dort in den Briefkasten.

Dann wird der Klümpchenbetrag dem Konto des Ausstellers abgezogen und dem Konto des Begünstigten gutgeschrieben. Mit einem Klümpchen-Guthaben können beliebige Dienste oder Waren "eingekauft" werden, die von anderen Mitgliedern angeboten werden. Gutschriften und Lastschriften werden mit Hilfe eines computergestützten Verrechnungssystems erfaßt.

Seinen Kontostand kann jedes Mitglied während der Bürozeiten erfragen oder es kann auf Anfrage einen Kontoauszug erhalten. Der Tauschring arbeitet nicht gewinnorientiert. Weder Haben- noch Sollzinsen werden berechnet.

Die laufenden Euro-Kosten, z.B. für Miete, Kopien, Porto oder Telefon werden durch einen Jahresbeitrag von 20 Euro gedeckt; zusätzlich wird ein Betrag von 40 Klümpchen abgebucht (Stand Februar 2008). Damit werden vereinsinterne Verwaltungsarbeiten, die Organisation von Markttagen oder auch Porto sparende Fahrradkuriere bezahlt. Über die Verwendung der Euro- und Klümpchen-Beiträge legt der Vorstand bei der Mitgliederversammlung Rechenschaft ab.

Hans-Jürgen Harborth